Haïti Art Naïf – Erinnerungen an ein Paradies?
Katalog zur Sonderausstellung der Denkmalschmiede Höfgen vom 7.März bis 24. Mai 2010
Das Erdbeben vom 12. Januar 2010 hat mit Haiti nicht nur eine Nation erschüttert, die auf eine solche Naturkatastrophe am wenigsten vorbereitet war, sondern auch Kulturgüter von
unschätzbarem Wert vernichtet.
Die Sonderausstellung der Denkmalschmiede Höfgen sollte nachhaltig sensibilisieren und ein Zeichen der Hoffnung setzen. Die erstmalig vorgestellten Werke von 16 herausragenden haitianschen Malern der Gegenwart, darunter Frantz Zéphirin (*1968), Henri Robert Brésil (1952–1999) und Seymour Bottex (*1923), sind Teil der Sammlung des international ausgerichteten Künstlerhauses. In Korrespondenz zur Malerei werden Zeichnungen von Frantz Zéphirin aus dem Besitz von Ina-Maria Greverus gezeigt.
Die Malerei aus einem Land, das zwar als erstes auf der Welt die Sklaverei abschaffte, dessen 500-jährige Geschichte aber nahezu alles aufbietet, was an Grausamkeit und Leid
mit Sklaverei, Diktatur und Fremdherrschaft einhergehen kann, lässt uns erstaunen. Humorvolle Alltagsszenen, paradiesische Landschaften neben religiösen und spirituellen
Darstellungen, bei denen die Stile afrikanischer, indianischer und europäischer Malerei verschmelzen. Ob symbolische Systemkritik oder surreal gesteigerte Idylle – energiegeladen trotzt die Phantasie einer unerträglichen Realität. Geschichtliche Umstände und zeitweilige Isolation bereiteten in Haiti den Nährboden für außergewöhnliche künstlerische Entwicklungen, die bereits Picasso und die Surrealisten um André Breton faszinierten.
Das 1944 von DeWitt Peters gegründete Centre d’ Art in Port-au-Prince förderte zahlreiche Talente und trug wesentlich dazu bei, dass diese Künstler trotz Schulung keine akademischen Künstler geworden sind. Viele fanden weltweit Galerien und Käufer, ein Großteil auch ihren Platz in bedeutenden Museen.
Die naive Malerei Haitis ist geprägt von Hoffnung, Kampfgeist und unbändiger Lebensfreude. Was hier zu sehen ist, scheint mit dem, was uns jüngste Berichte aus Haiti zeigen, nicht das Geringste gemein zu haben. Aber gerade in dieser vielleicht schwersten Krise des Landes sichert die Kunst das geistige Überleben, werden Bilder zu Botschaftern und Identitätsträgern. Diese Ausstellung wird unsere bestehenden Vorstellungen von dem momentan „traurigsten Ort der Welt“ gewiss erweitern, sie soll darüber hinaus Verständnis und Anteilnahme wecken, Hilfe aktivieren. Denn die ist nötig, auch dann noch, wenn die ergreifenden Fotos wieder von den Titelseiten der Medien verschwinden.
Spendenaufruf
Die Denkmalschmiede Höfgen hat einen Spendenaufruf gestartet, um einen Kulturaustausch mit Haiti ins Leben zu rufen. Mit dieser Form einer nachhaltigen
Kooperationsbeziehung soll gezielt der Wiederaufbau des Centre d’Art in Port-au-Prince unterstützt werden. Diese herausragende Ausbildungs- und Ausstellungsstätte wurde durch
das Erdbeben zerstört.
Spendenkonto: Gesellschaft für Landeskultur e.V. – Förderverein der Denkmalschmiede Höfgen,
Kennwort: „Haiti Kulturaustausch“, Deutsche Bank Wurzen, BLZ: 860 700 24,
Kontonummer: 228 630 063
Ausstellungskatalog: Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit Grußworten der Sächsischen
Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst, Prof. Sabine von Schorlemer, und Oberbürgermeister
Matthias Berger, Grimma sowie mit Beiträgen von Dr. Claus Deimel, Prof. Dr. Ina-Maria Greverus,
Prof. Gina Athena Ulysse, Ministerialrat a.D. Hans Wallow, Kristina Bahr und Dr. Kurt Uwe Andrich.
96 Seiten, zahlreiche farbige Abbildungen, Broschur, 17 x 22cm, Preis: 16,–
Denkmalschmiede Höfgen – Edition Wæchterpappel 2010, ISBN 978-3-933629-30-2
Prof. Dr. Ina-Maria Greverus gründete 1974 das Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie an der Universität Frankfurt am Main und wurde dessen erste Professorin sowie Leiterin bis zu ihrer Emeritierung anno 1997.
Dr. Claus Deimel ist Direktor der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen
Prof. Gina Athena Ulysse wurde in Petionville/Haiti geboren. Heute ist sie Professorin für Anthropology und Afrika-Amerika-Forschung an der Wesleyan Universität in Middletown,
Connecticut. Als Künstlerin (Performerin und Lyrikerin) engagiert sie sich u.a. gegen Rassismus und Nationalismus.
Ministerialrat a.D. Hans Wallow war SPD-Bundestagsabgeordneter und hat Haiti als Experte für Entwicklungspolitik oft besucht.