50 Jahre Museum Wassermühle Höfgen
Vom Kulturort zur Avantgarde

Das Akt-Pleinair

Anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Museums Wassermühle Höfgen lohnt der Blick zurück auf ein Ereignis, das längst seinen festen Platz in der deutschen Fotografiegeschichte gefunden hat: das Höfgener Akt-Pleinair von 1979. Die historische Wassermühle wurde damals für drei Tage zum Arbeits- und Begegnungsort von Modellen, Fotografen und Kunstwissenschaftlern. Von hier aus wurde die Landschaft rund um Höfgen und Kaditzsch zum offenen Bildraum eines fotografischen Experiments.

Aufbruch aus dem Atelier
Günter Rössler und Claus Baumann hatten das Pleinair gemeinsam mit der Redaktion der Zeitschrift »Das Magazin« initiiert. Mit dabei waren unter anderem Eva Mahn, Brigitte Sellin und Volkard Wilhelm. Die Idee orientierte sich an der Tradition der Freilichtmalerei: Die künstlerische Aktfotografie sollte das geschützte Atelier verlassen und sich unmittelbar mit Landschaft, natürlichem Licht und Bewegung auseinandersetzen. Was heute selbstverständlich erscheinen mag, war 1979 ein außergewöhnlicher Ansatz. Die Fotografie hatte sich als wichtiges Bildmedium längst etabliert. Ihre Anerkennung als eigenständige Kunstform war jedoch noch nicht selbstverständlich. Vor diesem Hintergrund war eine künstlerische Aktfotografie unter freiem Himmel auch international ungewöhnlich. Das Höfgener Pleinair war damit zugleich Novum, künstlerisches Experiment und Ausdruck eines neuen fotografischen Selbstverständnisses.

Gelassenheit im Dorf und großes Echo
Eingebettet in die Flusslandschaft der Mulde bot die Wassermühle ideale Voraussetzungen für die fotografische Arbeit in den Wiesen, an Wegen und in der dörflichen Umgebung. Nicht allein der menschliche Körper stand im Mittelpunkt, sondern sein Verhältnis zu Landschaft und Natur. So entstanden Bilder, in denen Landschaft und Figur miteinander in einen lebendigen Dialog traten. Auch für die Bewohner Höfgens waren die ungewohnten Szenen ein besonderes Erlebnis. Wie Kurt Uwe Andrich, der das Pleinair als Zeitzeuge miterlebte, später erinnerte, reagierte die Dorfgemeinschaft gelassen, tolerant und aufgeschlossen. Über die unmittelbare Umgebung hinaus wurde das Pleinair vor allem durch »Das Magazin« bekannt, das im März 1980 eine Auswahl der Arbeiten veröffentlichte. Das öffentliche Echo war groß und übertraf die Erwartungen der Initiatoren deutlich.

Ein überraschender Fund im Archiv
Eine besondere Rolle bei der Dokumentation spielte das bekannte Leipziger Fotografenehepaar Renate und Roger Rössing. Sie begleiteten das Pleinair und hielten das Geschehen rund um die Aufnahmen fest. Im umfangreichen Negativarchiv der Rössings, das heute von der Deutschen Fotothek in der SLUB Dresden bewahrt wird, befinden sich etwa 1.400 Fotografien zum Höfgener Akt-Pleinair sowie zu den späteren Pleinairs und Atelierstudien. Bei der Sichtung dieses Materials machte Andrich Jahre später eine überraschende Entdeckung: Zwischen den Dokumentaraufnahmen fanden sich mehrere hundert Aktfotografien, die sich als eigenständige Werkgruppe Roger Rössings erkennen ließen. Sie zeigen Körperbewegungen in Langzeitbelichtung und sorgfältig komponierte Bildräume – eine bis dahin weitgehend unbekannte Seite im Werk Roger Rössings. Diese Entdeckung bildete den Ausgangspunkt für die Ausstellung »Roger Rössing – Aktfotografie« und das begleitende Symposium, mit denen die Denkmalschmiede Höfgen 2009 an das Pleinair erinnerte. Die Ergebnisse wurden 2011 in der Publikation Roger Rössing. Aktfotografie / Nude Photography dokumentiert.

Ein Kapitel der Kulturgeschichte
Das Höfgener Akt-Pleinair führte künstlerische Neugier und landschaftliche Erfahrung zusammen und machte die Wassermühle zu einem Ort fotografischer Avantgarde. Das Mühlenjubiläum bietet Anlass, an dieses außergewöhnliche Ereignis zu erinnern – als Ausdruck einer kulturellen Offenheit, die Landschaft, Kunst und Fotografie auf besondere Weise miteinander verband.

Literatur:
Andrich, Kurt Uwe (Hrsg.): Roger Rössing. Aktfotografie / Nude Photography. Mit Essays von Claus Baumann, Roger Rössing und Jens Bove. Edition Waechterpappel, Denkmalschmiede Höfgen, Grimma 2011. ISBN 3-933629-31-9.

YouTube**Fotoanimation auf YouTube ansehen
Fotoanimation aus dem Negativarchiv von Renate und Roger Rössing. Originale: Deutsche Fotothek. Dauer: 9:26 Minuten.




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